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Pilgern ... nicht nur nach Santiago de Compostela in Spanien
Wallfahrten zu heiligen und christlichen Orten

Der Pilgersegen und andere Pilgerrituale

Pilgern war etwas ganz besonderes. Man unternahm eine Pilgerfahrt oft nur einmal im Leben. Deshalb hob man die Pilgerfahrt durch bestimmte Riten, Rituale, Zeremonien und Bräuche aus dem Alltag empor. Eine Pilgerfahrt stellte einen herausragenden Abschnitt im Leben des Menschen dar, der nun Pilger wurde, der eintrat in ein Heiligtum, der eine heilige Reise zu einem heiligen Ort unternahm. Das Pilgern war eine Tugend, wie sie die christliche Kirche forderte. Darauf musste man sich bereits vor dem eigentlichen Pilgern vorbereiten.

Die religiöse Gemeinschaft der Heimatpfarrei leistete hier HIlfe. So wurde der Pilgersegen beim Aufbruch und auch bei Heimkehr gespendet.
In Santiago de Compostela gab es im Mittelalter die Nachtwache in der Kathedrale von Santiago, die sog. vigilia, die Pilgerkrönung bei der Ankunft, die Umarmung der Statue des heiligen Jakobus auf dem Hauptaltar und der Ablass.

Abgesehen von der religiösen Brächen war es nicht unüblich, vor Antritt der Pilgerreise seinen letzten Willen, sein Testament, niederzulegen, damit die Famile bei einem etwaigen Tod versorgt war.

Für Zwangspilger gab es oft sehr strenge Vorschriften, die diese einzuhalten hatten. Zwangspilger waren Personen, die zur Pilgerschaft aufgrund eines Verbrechens verurteilt worden waren.

In der heutigen Zeit haben sich neue Pilgerrituale entwickelt.

Aufbruch und Heimkehr - Pilgersegen

Der Pilgersegen war eines der bedeutendsten Rituale der Trennung und Loslösung von der heimatlichen Kirchengemeinde. Ihn gab es bereits im 11. Jahrhundert. Man fand zu jener Zeit auch besondere Gebete dafür. Das galt für die Pilger, die sich auf den Weg nach Santiago machten, als auch für diejenigen, die von der Pilgerfahrt zurückkamen.

Das Ritual Pilgersegen spielte sich in etwa wie folgt ab. Der PIlger musste zunächst alle seine häuslichen Angelegenheiten geregelt haben, etwa sein Testament gemacht haben. Danach fand ein feierlicher Gottesdienst der Gemeinde statt. Hier erbat der Pilger den Segen der Kirche erbaten. Am Ende der Messe legten er Pilgerstab und Tasche vor dem Altar ab. Diese Gegenstände wurden gesegnet und dem Pilger überreicht. Anschließend kniete oder legte sich oder knieten der Pilger vor dem Altar nieder und der Priester sprach den Segen. Waren, wie meistens, mehrere künftige Pilger beisammen, so wurde der Pilgersegen allen geimeinsam gespendet.

Oft wurde der Pilgersegen nicht in der Heimatgemeinde gespendet, sonndern an Sammelplätzen und Treffpunkten der Pilger ausgegeben.

Kehrte der Pilger von seiner Reise zurück, so wurde er erneut gesegnet. Das war eine Art von Erfüllungsritual.

Den Pilgersegen gibt es auch heute noch, entweder in der der Heimatpfarre, dem Ort des Aufburchs, oder an einem der Pilgersammelstellen in Frankreich oder Spanien. In Deutschland lautet der Segen wie folgt:
"Gott, Du hast Deinen Knecht Abraham auf allen Wegen unversehrt behütet. Du hast die Söhne Israels auf trockenem Pfad mitten durch das Meer geführt. Durch den Stern hast Du den Weisen aus dem Morgenland den Weg zu Christus gezeigt. Geleite auch die hier versammelten Gläubigen auf ihrer Pilgerfahrt zum heiligen Jakobus. Lass sie Deine Gegenwart erfahren, mehre ihren Glauben, stärke ihre Hoffnung und erneuere ihre Liebe. Schütze sie vor allen Gefahren und bewahre sie vor jedem Unfall.
Führe sie glücklich ans Ziel ihrer Fahrt und lass sie wieder unversehrt nach Hause zurückkehren. Gewähre ihnen schließlich, dass sie sicher das Ziel ihrer irdischen Pilgerfahrt erreichen und das ewige Heil erlangen. Darum bitten wir Dich durch Christus unseren Herrn – Amen."

Wegrituale

Auch unterwegs, während der Pilgerfahrt, mussten bestimmte Rituale eingehalten werden. Eines der wichtigsten war das Zeigen der Heiligtümer an Wegstationen. Das Zeigen oder genauer: die Zeigung und gleichzeitige Verehrung der Reliquien geschah nach einer festgelegten Ordnung. Sie standen oft auf einem Schrein, damit die Pilger unter ihnen her kriechen konnten und so die Gnade in besonderem Maß erfahren konnten.
In den französischen Pyrenäen war es üblich, dass die Pilger grüne Zweige in Keuzform zusammenbanden. Sie steckten sie so beim Kreuz Karls des Großen in die Erde, welches an die legendäre Schlacht des Roland erinnert.

In manchen Pilgerherbergen bekommen die Pilger noch heute vom Hospitalero die Füße bei ihrer Ankunft gewaschen. Auch dies ist ein Pilgerritual. Es geht auf die Augustinerchorherren zurück, die in Roncesvalles und Somport die Passhospitäler gegründet hatten. Dort wusch man den Ankömmlingen zur körperlichen Erholung und als Zeichen der christlichen Nächstenliebe in Erinnerung an die Fußwaschung im Abendmahlsaal Hände und Füße.

Ebenfalls auf einen alten Brauch zurück geht die Übung, auf dem 1500 Meter hohen Pass von Rabanal am Cruz de Ferro einen Stein abzulegen. Dort, wo schon tausende von Pilgern einen niederlegten, dort, wo das Ziel des Weges nicht mehr allzu weit entfernt ist. In den letzten Jahren wurde es üblich, einen Stein schon von Zuhause mitzutragen.
Das Ablegen der Steine läßt sich wie folgt historisch erklären: Im Mittelalter wurden Verbrecher zu einer Wallfahrt zum Grab des Apostels Jakobus nach Galicien verurteilt. Je nach Schwere der Tat hatte der Richter ihnen aufgegeben, einen Stein als zusätzliche Buße zu tragen. Heute symbolisiert der Stein aus dem heimischen Garten oder vom naheliegenden Feld die Sorgen, die Last der Pilger, die diese auf den Jakobsweg niederlegen und zurücklassen.

Nach Berichten im Codex Calixtinus nahmen Pilger in Triacastela einen Kalkstein auf und schleppten ihn beinahe einhundert Kilometer bis zu den Öfen von Castaneda, wo man aus ihnen den Kalkstein für die Kathedrale herstellte.

Heute ist der Brauch deer Verehrung von Reliquien beinahe nicht mehr vorhanden. Es haben sich Rituale am Jakobsweg nach Santiago entwickelt. So wird etwa auf Kreuzen ein Stein abgelegt. Auf jüdischen Friedhöfen gibt es diesen Brauch schn lange. Dort gilt das Steinablegen als Zeugnis des Besuchs.
Auch das Niderschreiben der Eindrücke des Jakobsweges in einem Tagebuch ist für viele Pilger zu einem abendlichen Rutual auf dem Jakobsweg geworden.

Ankunftsrituale

Kurz bevor oder nachdem die Pilger in Santiago de Compostela einzogen, übten sie ebenfall bestimmte Rituale aus. Erst dann besuchten sie die Pilgermesse in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Im zwölften Jahrhundert bestand der Brauch, sich am Tag unmittelbar vor der Ankunft im kleinen Rio Lavacolla einige Kilometer vor Santiago gründlich zu reinigen.
Vom Rio Lavacolla leitete der Weg hinauf zum Monte del Gozo, den Freudenberg. von hier aus konnten die Pilger zum ersten Mal die Stadt Santiago des Compostela erblicken. Die Pilger rannten den Hügel förmlich hinauf. Der erste galt unter ihnen dann als Pilgerkönig. Ab dem Monte del Gozo wanderten auch die Reiterpilger zu Fuß und die Fußpilger gingen barfuß weiter.

Ein weiteres Ritual, das auch noch heute gebräuchlich ist, ist es, beim Eintritt durch das Hauptportal der Kathedarale von Santiago de Compostela die Hand in die Vertiefung der Marmorsäule unter dem Portico de la Gloria zu legen. Sie wurde durch Millionen Pilgerhände geschaffen. Die Legende erzählt jedoch, dass diese Fingerabdrücke dadurch entstanden sein, dass der Herr die Kirche andersherum drehte; ihr Hauptaltar habe zuvor gegen Sonnenaufgang gestanden.

Die Krönung aber ist für alle Pilger das Ritual des Aufstiegs. Sie steigen hinter dem Altar zur Apostelstatue hinauf und umarmen sie von hinten. Danach gehen sie durch die Krypta, die sich unter dem Hauptaltar befindet. Dort werden in einem silbernen Schrein die Gebeine des Apostels aufbewahrt.

In den Heiligen Jahren jedoch zogen und ziehen die Pilger durch die geöffnete Heilige Pforte an der Ostseite der Kathedrale ein. Besonders begehrt ist der persönliche Kontakt zur Grabanlage des Heiligen Jakobus, da beinahe alle Pilgern den heiligen Reliquien besonders nah sein möchten und sie berühren wollen. Im Heiligen Jahr wird - nachem die Rituale erfüllt worden sind, nämlich Eingang, Besuch des Apostelgrabes, Beichte, Teilnahme an der Pilgermesse und Empfang der Kommunion - der vollkommene Ablass gewährt.

Früher waren zudem Nachtwachen in der Kathedrale ein Teil des Pflichtprogramms der Pilger. Heute jedoch nicht mehr.

Um 12 Uhr wird täglich die Pilgermesse gefeier, im Heiligen Jahr oft zusätzlich nachmittags die Zeremonie des Botafumeiros abgehalten. Dabei schwenkt man ein riesiges Weihrauchfass im Kirchenraum bis dicht unter die Gewölbe der Querschiffe. Dadurch wird die Kathedrale mit einem starken Weihrauchgeruch erfüllt.

In früherer Zeit gab es den Jakobspfennig, eine Steuer, welche in Nordspanien erhoben wurde. Daraus durften sich zerlumpte und mit abgerissenen Kleidern ankommende Pilger neu einkleiden. Neu ausgestattet stiegen sie auf das flache Dach über dem Chorbereich der Kathedrale und verbrannten beim Cruz do Farapos, dem Lumpenkreuz, die alten Kleider. Symbolisch läuterte man sich so am Ziel des Pilgerweges. Diese mittelalterliche Sitte wird heute fortgeführt, und zwar an einer Feuerstätte am Cabo-Finisterre, an jener Stelle, wo im Oktober 1999 das Denkmal der Botas del Peregino eingeweiht wurde. Heute verbrennen einige Pilger auch die Haare, die sie während ihrer Pilgerfahrt wachsen ließen.